Für den in der Tradition der humanistischen Geschichtsauffassung
stehenden Florentiner Niccolò Machiavelli (1469-1527) ist das
antike Rom nicht nur bewunderungswürdiges, sondern verbindliches
Vorbild:
"Denn die bürgerlichen Gesetze sind nichts anderes als von
den alten Rechtsgelehrten gefällte Urteile, die, in eine gewisse
Ordnung gebracht, unsere jetzigen Rechtsgelehrten Recht sprechen lehren;
und nichts anderes ist die Medizin als von den Ärzten früherer
Zeiten gemachte Erfahrungen, worauf die heutigen Ärzte ihr Urteil
gründen. Nichtsdestoweniger findet sich bei dieser Einrichtung
der Republiken, bei der Erhaltung der Staaten, bei der Regierung der
Reiche, bei der Errichtung des Heeres und der Führung des Krieges,
beim Rechtsprechen über die Untertanen, bei der Erweiterung der
Herrschaft weder Fürst noch Republik, weder Feldherr noch Bürger,
der auf die Beispiele der Alten zurückgriffe.
Nach meiner Überzeugung rührt dies nicht so sehr von der
Schwächlichkeit, zu der die jetzige Erziehung die Welt geführt,
oder von dem Schaden, den ein ehrgeiziger Müssiggang vielen christlichen
Ländern und Städten zugefügt hat, als von daher, dass
man keine wahre Kenntnis der Geschichte besitzt, dass man, wenn man
sie liest, nicht den Sinn, wenn man sie kostet, nicht den Geschmack
aus ihr zieht, den sie in sich schliesst. (…) Da ich nun den
Menschen diesen Irrtum nehmen will, so habe ich für nötig
erachtet, über alle Bücher des Livius, die uns die Tücke
der Zeit nicht entzogen hat, das zu schreiben, was ich den alten und
neuen Begebenheiten zu deren besserem Verständnis entnommen habe.
Die Leser meiner Betrachtungen mögen daraus den Nutzen ziehen,
um dessentwillen man die Kenntnis der Geschichte zu erlangen suchen
soll."
Zitiert nach Herfried Münkler, Niccolò Machiavelli. Politische
Schriften, Frankfurt a. M. 1990.







